Für Naturfotografen bietet das Wohnmobil den unschätzbaren Vorteil, immer dort zu sein, wo sich gerade interessante Fotomotive ergeben. Doch Vorsicht: In Italien ist das Freistehen nicht so selbstverständlich wie in Deutschland. Grundsätzlich ist Wildcampen verboten. Vor allem in der Nebensaison wird zwar manches toleriert, dennoch kommt es immer wieder vor, dass die Polizei (Polizia) eingreift und Camper auffordert, den Platz zu verlassen
Einfache Stellplätze sind als „Area Sosta Camper“, Landgaststätten mit regionaler Küche als „Agriturismo Sardegna“ ausgeschildert. Rund um die Insel gibt es zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten – von einfachen Stellplätzen mit oder ohne Strom und Wasser bis hin zu komfortablen Campingplätzen mit Strom, Wasser und Entsorgung, teilweise auch mit Mülltrennung. Häufig gehört auch ein gutes Restaurant dazu. Eine wertvolle Hilfe bei der Stellplatzsuche bietet die promobil-App „Stellplatz-Radar“.
Von München nach Genua – dem nächstgelegenen Fährhafen nach Sardinien – ist es mit dem Wohnmobil eine entspannte Tagesetappe. Die Fähren nach Olbia oder Porto Torres legen meist gegen 21:30 Uhr ab und verkehren über Nacht. Camping an Bord wird aufgrund aktueller Bestimmungen nicht mehr angeboten. Wer die Überfahrt etwas komfortabler gestalten möchte, sollte eine Kabine buchen. So erreicht man die Insel am nächsten Morgen ausgeruht.
Stellplatztipp:
Für einen Zwischenstopp bietet sich etwa drei Viertelstunden vor Genua der Ort Serravalle mit seinem Stellplatz am McArthurGlen Designer Outlet Serravalle an. Mehr dazu ist im Reisebericht Korsika nachzulesen.
Stellplatztipp:
Etwa 70 Kilometer südlich des Fährhafens Olbia liegt der kleine Ort Orosei. Folgt man der Küstenstraße vom südlichen Ortsrand aus, erreicht man nach wenigen Kilometern den Stellplatz Osalla Beach Garden. Der – zugegeben – eher schlicht ausgestattete Stellplatz (Anmeldung an der Bar, anschließend wird die Schranke geöffnet) verfügt über Duschen, Strom, Wasser und Entsorgung, überzeugt jedoch mit einem sehr guten Restaurant, einer Bar und vor allem mit einem wunderschönen, über eine Hängebrücke erreichbaren Sandstrand mit Pinienhain – ein idealer Ausgangspunkt für einen Sardinienurlaub.
In und um den Stellplatz findet sich eine Vielzahl verschiedener Insekten. Mit etwas Glück lassen sich bereits neben dem Wohnmobil Gottesanbeterinnen (Mantodea), die Südliche Heidelibelle (Sympetrum meridionale) oder auch der Violette Sonnenzeiger (Trithemis annulata) entdecken, die durchaus Lust auf Naturfotografie machen. Der Pinienhain am Strand bietet besonders am Morgen karibisch anmutende Motive.



Wer frischen Fisch oder Meeresfrüchte liebt, dem sei der Fischhandel am Ortsausgang von Orosei, links an der Straße zum Stellplatz, empfohlen – einfach ein Genuss.
Weit im Süden des Golfs von Orosei kann man einen großen Felsen im Dunst erahnen. An ihm lebt die größte Eleonorenfalken-Kolonie (Falco eleonorae) des westlichen Mittelmeeres. Doch dazu gleich noch mehr. Hier am Platz muss man sich nun entscheiden, ob man der Küste weiter nach Süden folgt oder die nahen Berge erkundet. Unterschiedlicher könnten die Möglichkeiten kaum sein.
Folgen wir zunächst der Küste nach Süden:
Weiterer Tipp:
Vorbei an Cala Gonone und Urzulei geht es nach Baunei. Kurz hinter dem Ort biegt eine Straße links zur Küste ab und führt nach unzähligen Kurven durch die immergrüne Macchia in herrlicher Berglandschaft zur Punta Pedra Longa. Zwei Felsnadeln im Meer, die bei Nacht und zum Sonnenaufgang ein fantastisches Motiv ergeben. Hier kann man – zwar etwas beengt und häufig bereits besetzt – mit dem Wohnmobil auf geteertem Untergrund übernachten. Übrigens befindet sich zwei Kurven oberhalb auch ein gutes Restaurant. Das Bier heißt Ichnusa – unbedingt probieren. Rechts vom Eingang zur Terrasse führt eine lange Steintreppe zu einer kleinen felsigen Badestelle hinunter ans Meer.
Etwas oberhalb der Gaststätte führt zudem ein Wanderweg nach links und rechts in unwegsames Gelände. Nach den Bestimmungen – beschrieben auf einer großen Infotafel – darf er eigentlich nicht ohne Führer begangen werden. Uns kam auf dem Weg auch eine geführte Gruppe entgegen. Folgt man dem Pfad jedoch lediglich geradeaus nach Norden, sollte man zwar trittsicher sein, alpine Kenntnisse sind jedoch nicht erforderlich. Nach etwa 2,5 Stunden erreicht man ein kleines Plateau mit einem wunderbaren Blick auf – Sie werden es erraten – den riesigen Falkenfelsen. Ein Herankommen ist nicht möglich, denn der Weg führt von hier steil bergauf in Richtung Baunei. Ein Näherkommen ist auch gar nicht erforderlich, denn bereits von hier wird die gewaltige Dimension des Felsens eindrucksvoll sichtbar. Ein Näherkommen ist auch gar nicht erforderlich, denn bereits von hier wird die gewaltige Dimension des Felsens eindrucksvoll sichtbar. Falken sind jedenfalls reichlich in der Luft.
Weiter nach Süden geht es in die kleine Stadt Arbatax mit ihrem Jachthafen und den berühmten Porphyrfelsen. Morgens und abends bieten sie ein farbenprächtiges Motiv. Je nach Sonnenstand leuchtet der Felsen in unterschiedlich intensiven Rottönen. Direkt davor, unmittelbar am Hafen gelegen, kann man mit dem Wohnmobil auf einem sandigen, ebenen Platz durchaus eine Nacht verbringen.
Stellplatztipp:
Campeggio Villaggio Sos Flores
Weitläufiger Campingplatz am südlichen Rand von Arbatax, etwa 15 Minuten vom Hafen entfernt. Unter Eukalyptusbäumen gelegen, mit eigenem Sandstrand, Restaurant und konsequenter Mülltrennung sowie allen Einrichtungen wie Grauwasser- und Toilettenentsorgung, Strom und großzügigen, sauberen Sanitäranlagen.
Ein unbedingtes Muss ist eine Fahrt mit dem Trenino Verde, der berühmten sardischen Schmalspurbahn, ins Gebirge. Der kleine Bahnhof befindet sich direkt am Hafen von Arbatax. Die historische Bahn verkehrt auf der 950-mm-Schmalspur und zählt zu den eindrucksvollsten Touristenbahnen Europas. Je nach Saison werden allerdings nur einzelne Streckenabschnitte befahren. Aktuelle Fahrpläne und Informationen finden Sie auf der offiziellen Webseite des Trenino Verde. Entspannter lässt sich das bergige Hinterland kaum erkunden. Wer Schmetterlinge fotografieren möchte, findet hier ideale Voraussetzungen.
Von hier aus gibt es viele Möglichkeiten, die Insel weiter zu erkunden:
Eine der großen Attraktionen Sardiniens sind sicherlich die halbwilden Pferde im Parco della Giara bei Genoni, nahe der Ortschaft Gesturi im zentralen Hügelland – die berühmten Giara-Ponys. Die Giara kann von Gesturi, Setzu und Tuili aus erreicht werden. Am Parkeingang befindet sich ein größerer Parkplatz der auch von Wohnmobilen zur Übernachtung genutzt wird. Er ist eben und verfügt über einen festen Untergrund. Bereits aus dem Autofenster lassen sich mit etwas Glück die braunen oder schwarzen Pferde beobachten. Typisch sind ihre großen Mandelaugen. Sowohl der Weg Richtung Westen zur Nuraghe Santa Luisa als auch der Hauptweg, der an der Information beginnt, bieten gute Möglichkeiten, die Ponys zu fotografieren. Besonders die flachen Wasserstellen entlang des Hauptweges sind am Morgen ein beliebter Treffpunkt der quirligen Tiere. Neben den Pferden waren im Herbst noch mehrere Grasmücken, die Zaunammer (Emberiza cirlus), verschiedene Libellen sowie der Erdbeerbaumfalter (Charaxes jasius) unterwegs.

Oder entlang der Küste über Bari Sardo noch weiter nach Süden. Villaputzu und Porto Corallo sind dann das nächste Ziel.
Stellplatztipp:
Kurz vor dem kleinen Hafen liegt ein einfacher, aber gut ausgestatteter Stellplatz. Einkaufsmöglichkeiten befinden sich im Ort. In fußläufiger Entfernung zum Stellplatz liegen mehrere verwilderte Flächen mit einer erstaunlich vielfältigen Insektenwelt. Gelegentlich lassen sich hier auch Schildkröten sowie verschiedene Singvogelarten beobachten.
Von hier führte uns der Weg im Herbst stets an Cagliari vorbei an die südwestliche Küste Sardiniens. Unser Ziel war Porto Botte mit den südlich anschließenden Salinen. Dort befindet sich der traumhaft gelegene Stellplatz Spiaggia di Porto Botte, eingebettet zwischen Meer und Salinen auf festem Untergrund. Zentral im Gebiet gelegen, erlebt man hier nicht nur eindrucksvolle Sonnenauf- und Sonnenuntergänge, sondern findet in den Salinen auch eines der bedeutendsten Rast- und Überwinterungsgebiete für Wasservögel im Süden Sardiniens. Verschiedene Grasmücken, Limikolen, Enten und Flamingos sind hier oft in angenehmer Beobachtungsdistanz anzutreffen. Auch Krähenscharben (Gulosus aristotelis) und mehrere Möwenarten halten sich regelmäßig entlang der Küste auf.
Unser eigentliches Ziel liegt jedoch jenseits der über einen Damm erreichbaren Insel Sant'Antioco und weiter im kleinen Hafenort Calasetta. Von hier verkehrt im Zwei-Stunden-Takt die Fähre nach Carloforte auf der Isola di San Pietro – für uns eines der faszinierendsten Reiseziele Italiens im Herbst und ein Paradies für Vogelfotografen. Hier dreht sich alles um den Eleonorenfalken (Falco eleonorae).
Die Hin- und Rückfahrt mit dem Wohnmobil kostet etwa 80 Euro, die Überfahrt dauert rund eine Stunde. In Carloforte angekommen hält man sich zunächst links in Richtung Capo Sandalo. Wer allerdings bereits die Salinen am Ortsrand genauer betrachtet, wird als Naturfotograf seine Weiterfahrt möglicherweise noch einmal überdenken, denn hier wimmelt es gerade während des Vogelzuges von den unterschiedlichsten Vogelarten.
Bis 2019 unterhielt der örtliche Naturschutz am geteerten Parkplatz – gleichzeitig Stellplatz für Wohnmobile (Keile sind unbedingt erforderlich) – eine Informationshütte und koordinierte die Nutzung der Beobachtungshütten sowie der Fotografenstandorte. Heute wird diese Aufgabe offenbar von einem örtlichen Naturführer übernommen. Auf Nachfrage war dessen Reservierungsliste bereits für das folgende Jahr vollständig ausgebucht.
Vom Parkplatz führt ein Weg zur Spitze der kleinen Halbinsel. Bereits hier bietet sich die Gelegenheit, den Falken bei der Jagd zuzusehen. Gleich zu Beginn zweigt rechts ein schmaler Pfad zum Meer ab und führt durch die Felsen steil hinunter an die Küste. Auch von dort ergeben sich mit langen Teleobjektiven gute Möglichkeiten zur Beobachtung und Fotografie.
Unbedingt zu beachten ist jedoch die Beschilderung entlang der Wege. Zum Schutz der Brutkolonie ist das Verlassen der markierten Pfade untersagt. Wer sich dagegen am Parkplatz links entlang der Mauer hält, folgt einem offiziellen Fernwanderweg, der nahe an der Steilküste vorbeiführt. Von hier eröffnen sich hervorragende Beobachtungsmöglichkeiten. In diesem Bereich befinden sich auch die Ansitzhütten, zu denen die angemeldeten Fotografen gebracht werden.
Die Isola di San Pietro bietet darüber hinaus eine artenreiche Insektenwelt sowie zahlreiche Eidechsen, überwiegend Ruineneidechsen (Podarcis siculus). Blaumerlen (Monticola solitarius) sind häufig anzutreffen, ebenso mehrere Arten von Grasmücken, die die niedrige Buschvegetation entlang der Küste besiedeln. Während des herbstlichen Vogelzuges erscheinen nahezu täglich zahlreiche europäische Kleinvogelarten, die bevorzugte Beute der Eleonorenfalken (Falco eleonorae) sind. Genau aus diesem Grund gehört diese Falkenart zu den ganz wenigen Greifvögeln Europas, die ihre Jungen erst im Spätsommer aufziehen. Wenn im September und Oktober Millionen Zugvögel das Mittelmeer überqueren, steht den Jungfalken reichlich Nahrung zur Verfügung – eine außergewöhnliche Anpassung an den Vogelzug.
Drei Tage sollte man für dieses Gebiet mindestens einplanen – und möglichst früh unterwegs sein, bevor die ersten Fotogruppen eintreffen.
Stellplatztipp:
Campeggi Sardi Spiaggia La Salina
Nur durch eine schmale Düne vom Sandstrand getrennt und mit Blick auf die Lagune La Salina di Calasetta liegt dieser Campingplatz landschaftlich zwar reizvoll, für die Naturfotografie hat sich das Gebiet für uns jedoch als eher unergiebig erwiesen. Neben einigen Mittelmeermöwen (Larus michahellis), wenigen Brandseeschwalben (Thalasseus sandvicensis, bis 2005 Sterna sandvicensis) und einigen Regenpfeifern war während unseres Aufenthaltes nur wenig zu beobachten. Gemessen an den vielen anderen Hotspots Sardiniens konnten uns die Lagunen bei Calasetta deshalb nicht überzeugen.
Der weitläufige Campingplatz bietet ausreichend Stellflächen, die Parzellen sind jedoch teilweise recht eng. Die Sanitäranlagen waren bereits deutlich in die Jahre gekommen. Hinzu kam, dass wir hier wohl die unangenehmsten Platznachbarn unserer diesjährigen Sardinienreise hatten.
Von hier geht es wieder zurück und ein gutes Stück weiter nach Norden in das Gebiet von Oristano.
Stellplatztipp:
Area di Sosta Camper Buggerru
Am Wohnmobilstellplatz des kleinen Küstenortes Buggerru ein oder zwei Nächte zu verbringen, gehört für uns fast zum Pflichtprogramm. Direkt am Meer und unmittelbar neben einem herrlichen Sandstrand gelegen, befindet sich der Platz am Ende des ehemaligen Bergwerksdorfes. Bereits die Zufahrtsstraßen vermitteln mit Steigungen und Gefällen bis zu 13 %, dass Sardinien stellenweise ausgesprochen bergig sein kann.
Für einen moderaten Tagespreis erhält man Strom, Ver- und Entsorgung sowie Dusche und WC. Unbedingt empfehlenswert ist ein Ausflug zur historischen Lorenbahn mit Besichtigung eines ehemaligen Bergwerkstollens. Buggerru war über viele Jahrzehnte eines der bedeutendsten Bergbauzentren Sardiniens, und noch heute prägen die ehemaligen Industrieanlagen das Ortsbild. Eine hervorragende Eisdiele, kleine Geschäfte und gute Restaurants laden ebenfalls zum Verweilen ein.
Die Kamera sollte man allerdings auch im Ort keinesfalls im Wohnmobil lassen. Überraschend artenreich präsentieren sich die Gärten entlang der Straßen. Erdbeerbaumfalter (Charaxes jasius), Schwalbenschwanz (Papilio machaon) und Pelargonienbläuling (Cacyreus marshalli) waren hier regelmäßig anzutreffen, auch wenn diese Arten an vielen weiteren Stellen Sardiniens beobachtet werden können. Rund um den Stellplatz sorgen im Herbst zudem zahlreiche Blaumerlen (Monticola solitarius) mit ihrem melodischen Gesang für eine besondere Atmosphäre.
Anschließend führt die Reise weiter nach Oristano. Die dortigen Lagunen, Salinen und Flachwasserbereiche gehören zu den bedeutendsten Feuchtgebieten Sardiniens. Besonders während des Vogelzuges finden Tier- und Naturfotografen hier ein nahezu unerschöpfliches Betätigungsfeld.
Stellplatztipp:
Agricampeggio Muras di Giuliano Nardi
Agricampeggio Tanca Is Muras da Angelo
Agricampeggio Serrano Montemuras
Alle drei Campingplätze liegen unmittelbar nebeneinander am Strandabschnitt Mari Ermi und direkt am Meer – ein Paradies nicht nur für Naturfreunde, sondern auch für Kiter und Surfer. Wir entschieden uns für den letztgenannten Platz und haben diese Wahl nie bereut.
Die Stellplätze liegen leicht erhöht am Hang auf sandigem, teilweise begrüntem Untergrund mit Blick Richtung Meer und direktem Strandzugang. Links und rechts der Zufahrt befinden sich jeweils einfache Sanitärgebäude mit Toiletten und Duschen. Zwar stehen jeweils nur wenige Kabinen zur Verfügung, diese waren während unseres Aufenthaltes jedoch jederzeit außergewöhnlich sauber. Grau- und Schwarzwasser können direkt am Platz entsorgt werden, Stromanschlüsse sind teilweise vorhanden, allerdings nur schwach abgesichert. Frischwasser ist ebenfalls verfügbar. Die Anmeldung erfolgt bei der Einfahrt an einem kleinen Zelt, abgerechnet wird erst bei der Ausfahrt. Unbedingt nach dem selbst hergestellten Pecorino fragen. Der Käse stammt aus eigener Herstellung und gehört geschmacklich zu den besten, die wir auf Sardinien probieren durften. Auf Wunsch wird er sogar direkt vor Ort vakuumiert. Daneben wird auch Salami angeboten – deren Geschmack bleibt allerdings, wie so oft, Ansichtssache.
Bereits auf der Anfahrt durchquert man weitläufige Lagunenlandschaften. Hier lohnt es sich unbedingt immer wieder anzuhalten und den außergewöhnlichen Vogelreichtum zu genießen.
Vom Stellplatz aus kann man bequem in Richtung Putzu Idu wandern. Bereits nach etwa 500 Metern erreicht man eine kleine Binnenlagune, an der praktisch rund um die Uhr Limikolen nach Nahrung suchen. Hier habe ich mehrere Tage morgens und abends mit der Kamera am Ufer verbracht und einige meiner schönsten Aufnahmen dieser Reise gemacht.
Während unseres Herbstaufenthaltes waren unter anderem Alpenstrandläufer (Calidris alpina), Steinwälzer (Arenaria interpres), Sandregenpfeifer (Charadrius hiaticula), Seeregenpfeifer (Anarhynchus alexandrinus), Sanderlinge (Calidris alba) sowie Zwergstrandläufer (Calidris minuta) regelmäßig zu beobachten.




Der Weg führt uns weiter nach Norden, vorbei an Bosa. Kurz hinter der Stadt beobachten wir noch eine Zeit lang die Gänsegeier (Gyps fulvus), die hoch oben in den Felswänden ihre Kreise ziehen. Die Küstenstraße in Richtung Alghero zählt zu den schönsten Panoramastraßen Sardiniens. Immer wieder eröffnen sich spektakuläre Ausblicke auf das Meer und die steil aufragenden Kalkfelsen.
Wer die beeindruckenden Steilküsten rund um Capo Caccia betrachtet, blickt auf eine Landschaft, deren Entstehung mehr als 100 Millionen Jahre zurückreicht. Die mächtigen Felswände bestehen überwiegend aus Kalkgestein, das sich im warmen Flachmeer der Erdgeschichte aus den Schalen und Skeletten unzähliger Meeresorganismen bildete. Regenwasser löste den Kalkstein über Jahrmillionen langsam auf und schuf so die typische Karstlandschaft mit Dolinen, Höhlen und unterirdischen Wasserläufen. Die berühmte Neptungrotte ist eines der eindrucksvollsten Beispiele dieser geologischen Entwicklung.
Gerade dieser faszinierende Wechsel zwischen uralten Kalkmassiven, den vulkanisch geprägten Landschaften im Inselinneren, weitläufigen Sandstränden und den ausgedehnten Lagunen macht Sardinien auch aus geologischer Sicht zu einer der abwechslungsreichsten Inseln des gesamten Mittelmeerraumes.
Naturfotografen möchte ich die kleinen Bergstraßen besonders ans Herz legen. Meerseitig zweigen immer wieder schmale Straßen und Pisten ab, die man am besten auf eigene Faust erkundet. Gerade im Frühjahr gehören diese Gebiete zu den interessantesten Vogelzugrouten der Insel. Braunkehlchen (Saxicola rubetra), Schwarzkehlchen (Saxicola rubicola), Grauschnäpper (Muscicapa striata), Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca), Feldlerchen (Alauda arvensis), Haubenlerchen (Galerida cristata), Heidelerchen (Lullula arborea) sowie verschiedene Würger (Familie Laniidae) sind dann regelmäßig anzutreffen.
Ebenso beeindruckend ist die Pflanzenwelt. Entlang der Straßen blühen zahlreiche Orchideenarten, darunter die Schmetterlings-Orchis (Anacamptis papilionacea), das Männliche Knabenkraut (Orchis mascula) und die Übersehene Ragwurz (Ophrys tenthredinifera subsp. neglecta). Dazu verwandeln die gelb blühenden Ginsterhänge ganze Berghänge in ein leuchtendes Farbenmeer.
Alghero sollte man unbedingt besuchen. Die ehemalige katalanische Stadt gehört zu den schönsten Altstädten Sardiniens und hat sich bis heute einen großen Teil ihres historischen Charakters bewahrt. Vor der Zitadelle befindet sich ein großer, allerdings kostenpflichtiger Parkplatz. Besonders empfehlenswert sind die Markthalle mit frischem Fisch, Muscheln, Fleisch und regionalem Gemüse sowie die zahlreichen Restaurants in den verwinkelten Gassen der Altstadt. Ein Spaziergang entlang der mächtigen Stadtmauer bei Sonnenuntergang gehört zu den schönsten Erlebnissen der gesamten Insel. Die Kamera sollte dabei selbstverständlich nicht fehlen.
Trotz aller Begeisterung möchte ich auf einen Punkt ausdrücklich hinweisen. Wie in vielen touristischen Zentren – insbesondere auch im Umfeld der großen Fährhäfen – sollte man auf Wertgegenstände achten. Taschendiebstähle und Autoaufbrüche kommen leider auch auf Sardinien vor. Mit etwas Aufmerksamkeit lässt sich der Aufenthalt jedoch unbeschwert genießen.
Einige Kilometer nördlich von Alghero befindet sich der hervorragend ausgestattete Camping Village Laguna Blu. Folgt man der Küstenstraße weiter durch den Regionalen Naturpark Porto Conte, erreicht man schließlich das Capo Caccia, wo die Straße endet. Unbedingt besichtigen sollte man die berühmte Neptungrotte, die entweder über die spektakuläre Escala del Cabirol mit ihren mehr als 650 in den Fels gebauten Stufen oder bequem per Boot erreichbar ist.
An den Steilküsten des Capo Caccia brüten mehrere Paare des Wanderfalken (Falco peregrinus) sowie eine der bedeutendsten sardischen Kolonien des Gänsegeiers (Gyps fulvus). Besonders interessant ist das Gebiet jedoch nach Einbruch der Dunkelheit. Dann lassen sich hier mit etwas Glück Mittelmeer-Sturmtaucher (Puffinus yelkouan) beobachten, die tagsüber fast ausschließlich auf dem offenen Meer leben und erst in der Dämmerung zu ihren Brutplätzen zurückkehren. Das Kap zählt zu den besten Beobachtungsplätzen dieser seltenen Art im westlichen Mittelmeer.
Nur wenige Kilometer weiter nördlich liegt der Lago Baratz, de einzige natürliche Süßwassersee Sardiniens. Das Gebiet bietet eine Vielzahl fotografischer Motive – von Wasservögeln über verschiedene Eidechsen bis hin zu Schildkröten. Mehrfach gelang es mir hier, die Breitrandschildkröte (Testudo marginata) zu fotografieren. Sie ist die größte natürlich vorkommende Landschildkröte Europas und eine von drei auf Sardinien heimischen Landschildkrötenarten.
Erkundenswert sind in dieser Region auch die zahlreichen Küstenabschnitte mit ihren traumhaften Buchten, beispielsweise bei Torre Bianca. Verwitterte Kalkfelsen, bizarre Steinformationen und kleine Steinkegel prägen hier das Landschaftsbild. Immer wieder lohnt es sich das Wohnmobil stehen zu lassen und ein Stück Richtung Meer zu wandern. Oft entdeckt man dabei Pflanzen und Tiere, die einem vom Straßenrand verborgen geblieben wären.
Wie an vielen Sandstränden Sardiniens blüht auch hier im Herbst die Strandnarzisse (Pancratium maritimum), vielerorts auch als Pankrazlilie bezeichnet. Ihre großen weißen Blüten setzen eindrucksvolle Akzente in den Dünen und gehört zu den charakteristischen Pflanzen der mediterranen Dünenlandschaften und zählt für mich zu den schönsten Blütenpflanzen Sardiniens.
Weiter geht die Reise nach Norden. Vorbei an Porto Torres führt die Straße in Richtung Stintino bis zum Capo Falcone. Die Meerenge zwischen Sardinien und Korsika beeindruckt mit ihrem außergewöhnlich klaren, stahlblauen Wasser und zählt zu den schönsten Küstenlandschaften der Insel. Zahlreiche Badebuchten, kleine Strände und Aussichtspunkte laden immer wieder zu einer längeren Pause ein. Für Naturfreunde lohnt sich dabei stets auch ein Blick aufs Meer – mit etwas Glück ziehen Delfine oder Seevögel an der Küste vorbei und runden diesen landschaftlich eindrucksvollen Abschnitt der Insel auf besondere Weise ab.
Naturfotografen sei besonders der östliche Küstenabschnitt der Halbinsel bei Stintino ans Herz gelegt. Aufgelassene Salinen, ausgedehnte Macchia, unbefestigte Fahrwege und dazwischen immer wieder kleine Süßwasserlagunen bilden einen außergewöhnlich abwechslungsreichen Lebensraum. Gerade während des Vogelzuges wimmelt es hier von Vögeln und Insekten. Mit etwas Geduld lassen sich an einem einzigen Tag überraschend viele Arten beobachten.
Regelmäßig anzutreffen sind Braunkehlchen (Saxicola rubetra), Schwarzkehlchen (Saxicola rubicola), Rosaflamingos (Phoenicopterus roseus), Zwergseeschwalben (Sternula albifrons), Brachpieper (Anthus campestris), Grauammern (Emberiza calandra; Syn.: Miliaria calandra), Zaunammern (Emberiza cirlus) sowie die imposante Kalanderlerche (Melanocorypha calandra). Auch Wildschweine (Sus scrofa) lassen sich hier mit etwas Glück regelmäßig beobachten und fotografieren.
Ein großer Vorteil dieses Gebietes besteht darin, dass man viele der kleinen Lagunen mit dem Wohnmobil oder Pkw bis auf kurze Distanz erreichen kann. Das Fahrzeug dient dabei als hervorragende Deckung. Viele Limikolen reagieren deutlich gelassener auf ein stehendes Auto als auf einen frei laufenden Menschen. Dadurch ergeben sich oft ausgezeichnete Möglichkeiten für ungestörte Naturbeobachtungen und hochwertige Fotografien.
Während unserer Aufenthalte konnten wir unter anderem Kampfläufer (Calidris pugnax; Syn.: Philomachus pugnax), Zwergstrandläufer (Calidris minuta), Alpenstrandläufer (Calidris alpina), Grünschenkel (Tringa nebularia), Rotschenkel (Tringa totanus) sowie zahlreiche weitere Limikolenarten beobachten.
Die Rückfahrt entlang der Nordküste in Richtung Ostsardinien gestaltet sich ebenso abwechslungsreich wie die gesamte Reise. Immer wieder wechseln sich schroffe Granitlandschaften, kleine Buchten und weite Ausblicke über das Meer ab. Besonders rund um Palau beeindrucken bizarre, vom Wind geformte Granitfelsen. Sie zählen zu den markantesten Landschaftsformen Nordsardiniens und bieten dem Landschaftsfotografen zu jeder Tageszeit eine Fülle attraktiver Motive.
Leider ist das faszinierende Inselinnere in diesem Reisebericht nahezu unberücksichtigt geblieben. Dabei gehören die ursprünglichen Berglandschaften der Barbagia, ausgedehnte Korkeichenwälder, tiefe Schluchten und zahlreiche traditionelle Bergdörfer zu den eindrucksvollsten Regionen Sardiniens. Diesen landschaftlich völlig anderen Teil der Insel ausführlich vorzustellen, würde mühelos einen zweiten Reisebericht füllen – vielleicht also ein Thema für einen späteren Teil.
Zum Abschluss noch ein praktischer Hinweis für Wohnmobilreisende: Auf der gesamten Insel finden sich zahlreiche Camping- und Stellplätze sowie viele wohnmobilfreundliche Küstenabschnitte. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln ist selbst in kleineren Orten problemlos möglich. Besonders empfehlenswert sind die regionalen Spezialitäten – hochwertiges Olivenöl, aromatische Schaf- und Ziegenkäse, traditionelle sardische Pastasorten sowie die ausgezeichneten Weine der Insel.
Ein besonderes Erlebnis ist der Besuch eines Agriturismo. Diese landwirtschaftlichen Familienbetriebe bieten häufig nicht nur Übernachtungsmöglichkeiten und teilweise Stellplätze für Wohnmobile, sondern vor allem eine authentische sardische Küche. Serviert werden überwiegend hofeigene oder regional erzeugte Produkte – eine wunderbare Gelegenheit, die Gastfreundschaft und kulinarische Vielfalt Sardiniens kennenzulernen.
I ch wünsche allen Natur- und Reisefreunden unvergessliche Eindrücke auf dieser außergewöhnlichen Mittelmeerinsel und stets gutes Licht für viele gelungene Aufnahmen.









